Claus Tietjen und Ingo Wendelken über einen neuen Politikstil für Osterholz

Der eine kommt aus der Landwirtschaft und denkt in praktischen Lösungen.
Der andere sucht hinter politischen Einzelproblemen nach den grundsätzlichen Zusammenhängen.

Claus Tietjen, Landratskandidat der WEGBEREITER, und Ingo Wendelken, Sprecher der Wählergruppe, unterscheiden sich in Temperament und Sprache. Genau daraus entsteht ihr gemeinsamer Ansatz.

Tietjen fragt: Funktioniert es?
Wendelken fragt: Welche politischen Bedingungen sorgen dafür, dass es dauerhaft funktioniert?

15 Fragen wurden uns schriftlich gestellt zu Finanzen, Verwaltung, Krankenhaus, Pflege, Landwirtschaft, Natur, Wirtschaft und Mobilität. Und dahinter eine grundsätzliche Frage: Wie viel Politik braucht ein Landkreis und wo braucht er vielleicht einfach bessere Politik?


1. Herr Tietjen, warum braucht Osterholz überhaupt Veränderung?

Claus Tietjen

Weil Stillstand irgendwann teuer wird. Ich bin Landwirt. Da lernt man etwas Einfaches: Wenn etwas gut läuft, lässt man es laufen. Wenn etwas nicht funktioniert, wartet man aber nicht fünf Jahre darauf, dass es sich von selbst repariert.

So betrachte ich auch das Landratsamt. Ich behaupte ausdrücklich nicht, dass dort schlecht gearbeitet wird. Viele Mitarbeiter leisten jeden Tag gute Arbeit. Aber wir haben uns politisch an manche Probleme gewöhnt. Die Finanzen werden enger, Infrastruktur wird teurer, Pflege und Krankenhaus stehen unter Druck und der Verwaltungsaufwand wächst.

Meine Fragen sind deshalb ziemlich einfach: Was funktioniert gut? Was funktioniert nicht? Was können wir konkret besser machen?

Ich möchte kein Landrat sein, der morgens eine Ideologie ins Büro trägt. Ich möchte abends wissen: Welches Problem haben wir heute gelöst?

Ingo Wendelken

Das ist der Unterschied zwischen Veränderung und Protest. Wir betrachten das Bestehende weder grundsätzlich als schlecht noch automatisch als richtig. Das klingt selbstverständlich. Politisch ist es das nicht immer.

Institutionen entwickeln mit der Zeit eine bemerkenswerte Fähigkeit, ihre eigene Existenz zu begründen. Aus einem sinnvollen Projekt wird eine Struktur, aus einer Struktur wird Gewohnheit und aus Gewohnheit wird irgendwann vermeintliche Notwendigkeit.

Unser Gegenentwurf zum „Weiter so“ lautet deshalb nicht „Alles muss weg“. Er lautet: Bewahren, was funktioniert. Verändern, was nicht funktioniert. Beenden, was niemand mehr vernünftig begründen kann.

Das ist weder links noch rechts. Es ist zunächst einmal vernünftig.


2. Der Landkreis steht finanziell unter Druck. Wo würden Sie anfangen?

Claus Tietjen

Mit einem Kassensturz, den jeder Bürger nachvollziehen kann. Was kommt rein, was geht raus, was müssen wir bezahlen, was wollen wir bezahlen und wo haben wir uns langfristig gebunden?

Auf einem landwirtschaftlichen Betrieb kann ich auch nicht jedes Jahr mehr ausgeben und anschließend erklären, dass meine Einnahmen leider nicht mitgewachsen sind. Dann muss ich Prioritäten setzen.

Beim Landkreis würde ich deshalb drei Kategorien bilden: Was müssen wir tun? Was sollten wir tun? Was wäre lediglich schön zu haben?

Straßen, Schulen, Rettungswesen, Jugend, soziale Aufgaben und eine funktionierende Verwaltung gehören für mich weit nach vorne. Und bevor wir Bürger oder Gemeinden zusätzlich belasten, möchte ich wissen: Wo kann der Landkreis selbst besser wirtschaften?

Ingo Wendelken

Genau daraus sollten wir eine Osterholzer Prioritätenampel entwickeln. Nicht als neues Prestigeprojekt und nicht als bunte Grafik ohne Konsequenzen, sondern als verständliche Darstellung politischer Prioritäten.

Bei größeren freiwilligen Ausgaben sollten einige einfache Fragen öffentlich beantwortet werden: Welchen Nutzen haben die Bürger? Welche Folgekosten entstehen? Welche wirtschaftliche Wirkung gibt es? Wie lange bindet uns die Entscheidung? Gibt es eine günstigere Alternative? Und woran erkennen wir später, ob das Ziel erreicht wurde?

Damit würde aus einem für viele Menschen kaum verständlichen Haushalt eine nachvollziehbare politische Rangfolge. Unsere Leitlinie lautet: Pflicht vor Kür. Substanz vor Symbolik. Investition vor dauerhaftem Konsum.

Politische Verantwortung bemisst sich nicht daran, wie viel Geld verteilt wird, sondern daran, was mit diesem Geld erreicht wird.


3. Wo liegen denn die Millionen, die Sie einsparen wollen?

Claus Tietjen

Das weiß ich heute nicht. Und jeder, der ohne vollständigen Einblick eine große Zahl nennt, sollte erklären, wie er darauf kommt.

Ich bin Praktiker. Wenn auf einem Betrieb eine Maschine Probleme macht, tausche ich auch nicht auf Verdacht den halben Maschinenpark aus. Erst schaue ich hin, dann suche ich die Ursache und anschließend entscheide ich, ob repariert, verändert oder ersetzt wird.

Nicht anders würde ich mit dem Haushalt umgehen. Ich verspreche deshalb keine Fantasiemillionen. Ich verspreche etwas anderes: genau hinzusehen.

Ingo Wendelken

Ich würde jeder größeren freiwilligen Ausgabe eine zusätzliche Frage stellen: Wenn es dieses Projekt heute noch nicht gäbe, würden wir es unter den heutigen Bedingungen noch einmal beginnen?

Diese Frage verändert den Blick. Was vor zehn Jahren richtig war, muss heute nicht falsch sein. Es darf aber auch nicht allein deshalb ewig richtig bleiben, weil es einmal beschlossen wurde.

Wir brauchen deshalb neben einer Kultur des politischen Beginnens auch eine Kultur des vernünftigen Beendens. Eine Maßnahme einzustellen, deren Zweck entfallen ist, kann ebenso verantwortungsvoll sein wie ein neues Projekt zu beginnen.


4. Bedeutet Finanznot am Ende eine höhere Kreisumlage?

Claus Tietjen

Das wäre zu einfach. Wenn ich einer Gemeinde mehr Geld wegnehme, habe ich ein Problem nicht gelöst. Ich habe es verschoben. Dann fehlt das Geld vielleicht beim Feuerwehrhaus, einer Straße, einer Schule, einem Verein oder der Jugendarbeit.

Deshalb möchte ich regelmäßig mit den Bürgermeistern zusammensitzen und nicht erst dann, wenn wieder Geld gebraucht wird. Wir sollten Probleme gemeinsam erkennen, bevor wir uns gegenseitig Rechnungen schicken.

Ingo Wendelken

Dahinter steht ein wichtiges freiheitliches Prinzip: Subsidiarität. Eine Aufgabe sollte möglichst dort entschieden werden, wo man ihre Folgen noch kennt und Verantwortung dafür übernehmen kann. Kommunale Selbstverwaltung verliert ihren Sinn, wenn Gemeinden nur noch verwalten dürfen, was ihnen finanziell übrig gelassen wird.

Deshalb lautet unser Grundsatz: Ein starker Landkreis braucht starke Gemeinden.

Daraus könnte ein regelmäßiger Kommunaler Finanzdialog entstehen, bei dem Kreis und Gemeinden frühzeitig ihre Finanzplanung und größere Belastungen miteinander abgleichen. Politische Verantwortung sollte möglichst nahe bei den Menschen bleiben.


5. Das Kreiskrankenhaus schreibt Defizite. Wie gehen Sie damit um?

Claus Tietjen

Zuerst einmal: Ein Krankenhaus ist kein beliebiger Betrieb. Wenn nachts jemand mit einem Herzinfarkt oder nach einem schweren Unfall Hilfe braucht, diskutiert niemand über abstrakte Marktmodelle. Ein Krankenhaus gehört zur Sicherheit einer Region.

Aber gerade weil es so wichtig ist, muss dort auch vernünftig gewirtschaftet werden. Ich möchte wissen, wo Kosten entstehen, welche Leistungen funktionieren, welche Kooperationen sinnvoll sind und wo wir besser werden können.

Mein Ziel ist einfach: Das Krankenhaus sichern und gleichzeitig ordentlich wirtschaften. Beides gehört zusammen.

Ingo Wendelken

Hier stößt reine Marktlogik an eine Grenze. Versorgungssicherheit besitzt einen Wert, der in keiner gewöhnlichen Bilanz vollständig auftaucht. Gleichzeitig wäre es genauso falsch, jede Ineffizienz mit dem Begriff Daseinsvorsorge zu entschuldigen.

Deshalb lautet unsere Position: Effizienz ist notwendig. Versorgungssicherheit ist unverhandelbar.

Die eigentliche Kunst vernünftiger Politik besteht darin, solche scheinbaren Gegensätze nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander zu versöhnen.


6. Was würden Sie in der Pflege anders machen?

Claus Tietjen

Zuerst mehr auf die Leute hören, die jeden Tag pflegen. Denn die kennen die Probleme besser als jeder Schreibtisch.

Wir planen gerne Gebäude, Programme und Konzepte. Aber am Ende braucht ein Mensch einen Menschen. Ein Pflegebett ohne Pflegekraft hilft niemandem.

Deshalb möchte ich Pflegekräfte, Einrichtungen, ambulante Dienste, Ärzte und Angehörige regelmäßig an einen Tisch holen und eine einfache Frage stellen: Was hält euch heute von eurer eigentlichen Arbeit ab?

Alles, was wir davon auf kommunaler Ebene beseitigen können, sollten wir beseitigen.

Ingo Wendelken

Daraus wollen wir einen Praxisrat Pflege und Gesundheit und/oder die Pflegekonferenz konsequent entwickeln. Aber ausdrücklich kein weiteres Gremium, das zweimal jährlich ein Papier produziert, das anschließend in einem Aktenschrank verschwindet.

Menschen aus der Praxis nennen dem Landrat regelmäßig die fünf größten vermeidbaren Hindernisse. Die Verwaltung antwortet darauf: Was können wir ändern? Was können wir nicht ändern? Und wenn nicht, warum nicht?

Das wäre ein kleiner, aber wichtiger Kulturwechsel. Der Staat fragt häufig: Wie müssen Menschen sich unseren Verfahren anpassen? Wir sollten öfter fragen: Wie müssen sich unsere Verfahren verändern, damit Menschen ihre Arbeit besser machen können?

Eine soziale Gesellschaft erkennt man nicht an der Zahl ihrer Vorschriften, sondern daran, wie viel menschliche Zuwendung sie ermöglicht.


7. Bürokratieabbau verspricht jeder. Was machen Sie konkret?

Claus Tietjen

Stoppuhr an. Und dann messen, statt nur reden.

Nehmen wir einen Bauantrag oder ein anderes häufiges Verfahren. Wie lange dauert es heute? Wie oft muss ein Bürger nachfragen? Welche Unterlagen werden mehrfach verlangt? Wie viele Stellen sind beteiligt? Wo bleibt etwas liegen?

Dann schauen wir, was davon wirklich notwendig ist. Nach einem Jahr messen wir wieder. Dann sieht jeder, ob es besser geworden ist. Das verstehe ich unter Erfolgskontrolle.

Ingo Wendelken

Digitalisierung allein ist noch keine Reform. Sie kann sogar Unsinn schneller machen. Ein schlechter Prozess wird nicht gut, nur weil er auf einem Bildschirm stattfindet.

Unsere Reihenfolge lautet deshalb: Erst vereinfachen. Dann digitalisieren. Dann automatisieren, wo es sinnvoll ist.

Dazu kommt ein weiterer Grundsatz: Was der Staat bereits weiß, sollte der Bürger ihm grundsätzlich nicht immer wieder erzählen müssen, soweit Recht und Datenschutz dies zulassen.

Ich würde daraus einen jährlichen Lebenszeitbericht der Verwaltung entwickeln. Wir sollten nicht nur fragen, wie viel Geld ein Verfahren gekostet hat, sondern auch, wie viel Zeit Bürger und Unternehmen dafür aufwenden mussten. Denn Lebenszeit ist ebenfalls eine Ressource.

Die modernste Verwaltung ist nicht die mit der meisten Software. Es ist diejenige, die den Menschen am wenigsten unnötige Lebenszeit nimmt.


8. Sind Sie für Windkraft oder dagegen?

Claus Tietjen

So einfach ist die Welt nicht. Und Osterholz ist nicht irgendeine freie Fläche.

Wir haben gesetzliche Vorgaben. Die kann ein Landrat nicht wegdiskutieren. Aber ich kenne als Landwirt auch unsere Landschaft. Moor ist nicht irgendeine freie Fläche. Ein Acker oder Grünland ist kein weißer Fleck auf einer Karte. Und Naturschutz darf nicht nur dann wichtig sein, wenn gerade kein anderes politisches Ziel entgegensteht.

Deshalb würde ich jede Planung nüchtern prüfen: Was bringt sie? Was kostet sie? Was bedeutet sie für Natur, Landwirtschaft und Anwohner? Und gibt es eine bessere Alternative?

Energiewende ja. Aber mit Augenmaß und Bodenhaftung.

Ingo Wendelken

Die eigentliche politische Leistung beginnt dort, wo mehrere legitime Interessen gleichzeitig existieren und keines davon von vornherein von der Abwägung ausgenommen wird.

Energieversorgung, Eigentum, Artenschutz, Landschaftsschutz und die Interessen der Anwohner sind legitime Belange. Politik muss sie abwägen. Das ist mühsamer als moralische Eindeutigkeit, aber meistens näher an der Wirklichkeit.

Technischer Fortschritt ohne ökologische Vernunft ist kurzsichtig. Ökologie ohne ökonomische und gesellschaftliche Realität ebenfalls.


9. Können Landwirtschaft und Moorschutz wirklich zusammengehen?

Claus Tietjen

Sie müssen. Und zwar mit den Landwirten, nicht gegen sie.

Ich kenne Landwirtschaft nicht aus einer Broschüre. Wenn jemand eine Fläche seit Jahrzehnten bewirtschaftet und ich komme zu ihm und sage, dass wir dort ab morgen etwas völlig anderes machen, kann ich nicht erwarten, dass er begeistert applaudiert.

Wir brauchen Landwirte als Partner. Wenn Flächen anders genutzt werden sollen, müssen wir über Entschädigungen, Flächentausch, andere Bewirtschaftungsformen und langfristige Sicherheit reden. Und vor allem frühzeitig miteinander.

Denn: Wer über eine Fläche entscheiden will, sollte zuerst mit demjenigen sprechen, der seit dreißig Jahren weiß, wo dort im Frühjahr das Wasser steht.

Naturschutz gegen Landwirtschaft funktioniert vielleicht am Schreibtisch. In der Landschaft brauchen wir Naturschutz mit Landwirtschaft.

Ingo Wendelken

Genau hier sollten wir größer denken. Wir wollen ein Kulturlandschaftsmodell Osterholz entwickeln. Moor, Landwirtschaft, Wasserhaushalt, Artenvielfalt, regionale Produkte, Tourismus und Landschaftspflege gehören nicht in voneinander getrennte politische Schubladen.

Ein Landwirt, der durch Landschaftspflege, regionale Vermarktung oder neue moorverträgliche Nutzungen Einkommen erzielt, wird vom vermeintlichen Problem zum Teil der Lösung.

Und wir sollten Erfahrungswissen nicht gegen wissenschaftliches Wissen ausspielen. Gute Entscheidungen entstehen dort, wo wissenschaftliche Erkenntnis und das Wissen der Menschen vor Ort zusammenkommen.

Das ist intelligenter und nachhaltiger als Verbote allein.


10. Wird Osterholz wirtschaftlich zu sehr zum Vorort Bremens?

Claus Tietjen

Bremen ist eine Chance. Aber wir sollten nicht nur hier wohnen und woanders arbeiten. Ich möchte Handwerk, Mittelstand, Landwirtschaft und Unternehmen im Landkreis halten und neue dazugewinnen.

Dabei zählt manchmal etwas sehr Banales: Wer investieren will, braucht eine klare Antwort. Ja, das geht. Nein, das geht nicht. Oder: So können wir es möglich machen.

Was Unternehmer mürbe macht, ist monatelange Ungewissheit. Eine Verwaltung muss nicht zu allem Ja sagen. Aber sie sollte möglichst schnell erklären können, warum sie Ja oder Nein sagt.

Ingo Wendelken

Daraus wollen wir ein Osterholz Versprechen für Investitionen entwickeln. Keine Garantie auf eine Genehmigung. Das wäre unseriös. Aber ein Versprechen für transparente Verfahren: ein klarer Ansprechpartner, ein nachvollziehbarer Verfahrensstand, frühzeitige Hinweise auf Hindernisse und klare Kommunikation darüber, was noch fehlt.

Wohlstand lässt sich politisch nicht verordnen. Aber Politik kann Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihn erarbeiten können.

Ein Landkreis, der schnell Klarheit schafft, besitzt einen Standortvorteil, für den keine neue Gewerbefläche versiegelt werden muss.


11. Auto, Bus oder Fahrrad. Was hat Vorrang?

Claus Tietjen

Der Mensch und sein konkreter Bedarf.

Ein Schüler braucht vielleicht den Bus, eine Pflegekraft nachts das Auto, ein Landwirt seinen Schlepper, ein Pendler die Bahn und andere fahren gerne Fahrrad. Ich sehe nicht ein, warum wir daraus einen Glaubenskrieg machen.

Wir brauchen vernünftige Straßen und Brücken, sichere Radwege und einen ÖPNV, der dort funktioniert, wo Menschen ihn brauchen. Wo etwas bereits besser geworden ist, sollte man das auch anerkennen. Aber im ländlichen Raum wird das Auto für viele Menschen notwendig bleiben.

Ich will Mobilität verbessern und keine Verkehrsmittel gegeneinander erziehen.

Ingo Wendelken

Das ist eine klassische freiheitliche Frage und eine Frage der Selbstbestimmung. Politik verwechselt Angebot gelegentlich mit Lenkung. Wir wollen gute Alternativen schaffen. Aber aus einer Alternative darf kein moralischer Zwang entstehen.

Nicht Politik sollte entscheiden, wie Menschen sich fortbewegen. Politik sollte dafür sorgen, dass sie sich fortbewegen können.

Mobilität ist für uns deshalb kein Verkehrsmittel. Mobilität ist die Fähigkeit, sein Leben selbstständig organisieren zu können.


12. Wie schaffen wir bezahlbaren Wohnraum?

Claus Tietjen

Indem wir Bauen nicht immer komplizierter und teurer machen, sondern klüger. Natürlich brauchen wir Regeln. Aber irgendwann muss man auch fragen, was jede zusätzliche Vorschrift kostet.

Wir brauchen Wohnungen für junge Menschen, Familien und Senioren. Wir sollten vorhandene Gebäude besser nutzen, vernünftig nachverdichten und Genehmigungen beschleunigen.

Nicht jede Lösung braucht zuerst ein neues Förderprogramm. Manchmal hilft es schon, wenn man den Leuten weniger Steine in den Weg legt.

Ingo Wendelken

Hier zeigt sich ein interessantes Problem moderner Politik. Wir regulieren ein Gut, stellen anschließend fest, dass es immer teurer wird, und entwickeln danach Förderprogramme, um einen Teil der entstandenen Kosten wieder auszugleichen. Das kann auf Dauer nicht die intelligenteste Lösung sein.

Deshalb schlagen wir für neue kommunal beeinflussbare Anforderungen einen Folgekostencheck Wohnen vor. Die Frage lautet: Was kostet diese Entscheidung am Ende pro Wohnung und rechtfertigt ihr Nutzen diese Kosten?

Nicht jede sinnvolle Vorschrift wird dadurch verschwinden. Aber ihre Kosten werden sichtbar.

Sozialpolitik beginnt nicht erst beim Verteilen von Zuschüssen. Sie beginnt damit, unnötige Kosten gar nicht erst entstehen zu lassen.


13. Was würden Sie aus Worpswede, Hamme und Teufelsmoor machen?

Claus Tietjen

Nichts Künstliches, sondern das Beste verbinden, was wir längst haben.

Worpswede, Hamme, Moor, Landwirtschaft, Torfkähne, Hofläden, Gastronomie, Kunst, Radwege und Natur sind schon da. Warum soll jemand, der wegen Worpswede kommt, nicht auch einen Hofladen kennenlernen, Torfkahn fahren, regional essen und unsere Landschaft erleben?

Dann bleibt Wertschöpfung hier. Und wenn Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus von einer intakten Landschaft profitieren, gibt es auch einen ganz praktischen Grund, diese Landschaft zu erhalten.

Ingo Wendelken

Das ist der Gedanke hinter Kulturlandschaft Osterholz 2030. Aber bitte nicht als nächste Hochglanzbroschüre, sondern als gemeinsame regionale Strategie.

Landwirtschaft schafft regionale Qualität. Natur schafft Lebensqualität. Worpswede schafft kulturelle Strahlkraft. Hamme und Moor schaffen Unverwechselbarkeit. Tourismus schafft Nachfrage. Gastronomie und Handel schaffen Wertschöpfung.

Denkbar wäre eine gemeinsame regionale Dachmarke, die Hofläden, Gastronomie, Kulturorte, Naturerlebnisse und touristische Angebote sichtbar miteinander verbindet. So entsteht eine interessante Allianz: Der Gast profitiert von der Landschaft, der Betrieb profitiert vom Gast und die Landschaft profitiert davon, dass ihr Erhalt einen erkennbaren Wert besitzt.

Eine starke Naturschutzstrategie begreift Natur nicht als Last, sondern als Kapital, ohne sie deshalb auszuverkaufen.


14. Was bedeutet politische Unabhängigkeit für Sie?

Claus Tietjen

Dass ich mir jede gute Idee anhören kann, unabhängig von der Farbe des Absenders.

Wenn ich Landrat werde, bin ich nicht Landrat einer Partei. Dann bin ich Landrat für alle Menschen im Landkreis. Mir ist egal, ob eine gute Idee aus einer Partei, einer Wählergemeinschaft, einem Verein, einem Unternehmen oder direkt von einem Bürger kommt.

Ich stelle drei Fragen: Funktioniert sie? Können wir sie bezahlen? Hilft sie den Menschen?

Wenn ja, sollten wir darüber reden. Eine gute Idee wird nicht schlechter, weil der politische Gegner sie hatte.

Ingo Wendelken

Parteien gehören zur Demokratie. Aber Demokratie erschöpft sich nicht in Parteien und schon gar nicht in politischen Lagern. Gerade Kommunalpolitik sollte stärker nach Erkenntnis als nach Herkunft einer Idee funktionieren.

Das bedeutet ausdrücklich keine Beliebigkeit. Wir besitzen klare Werte: Freiheit, Eigenverantwortung, Subsidiarität, solide Finanzen, Schutz des Eigentums, soziale Verantwortung und die Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Aber feste Werte bedeuten nicht, dass auf jede Sachfrage bereits eine ideologisch vorgefertigte Antwort existieren muss.

Wir wollen eine Politik, die feste Werte besitzt und trotzdem geistig beweglich bleibt.

Das ist für mich politische Unabhängigkeit.


15. Was soll nach fünf Jahren anders sein?

Claus Tietjen

Dass die Leute merken: Es funktioniert besser.

Ich brauche kein Denkmal. Ich möchte, dass ein Bürger sagen kann: Mein Antrag ging schneller. Unsere Straße ist in Ordnung. Das Krankenhaus ist noch da. Meine Gemeinde wird ernst genommen. Der Landwirt wird gefragt, bevor über seine Fläche entschieden wird. Ein Unternehmer bekommt eine klare Antwort. Und wenn etwas schiefläuft, versteckt sich der Landrat nicht.

Ich bin Landwirt. Am Ende zählt für mich nicht, wie schön jemand über die Ernte gesprochen hat.

Entscheidend ist, was auf dem Feld steht.

So würde ich auch das Amt führen.

Ingo Wendelken

Und genau dort treffen sich Pragmatismus und freiheitliches Denken.

Freiheit bedeutet nicht die Abwesenheit von Staat. Sie bedeutet einen Staat, der seine Aufgaben kennt und seine Grenzen ebenfalls. Deshalb lässt sich unser politischer Kompass auf vier Fragen reduzieren: Muss der Staat das tun? Muss der Landkreis das tun? Kann es jemand anderes besser tun? Und wenn wir es tun, verbessert es das Leben der Menschen tatsächlich?

Unser Ziel ist kein schwacher Landkreis. Im Gegenteil. Wir wollen einen starken Landkreis bei seinen wirklichen Aufgaben und einen zurückhaltenden Landkreis dort, wo Bürger, Unternehmen, Vereine, Gemeinden und Familien Dinge selbst besser entscheiden können.

Wir wollen eine Verwaltung, die ermöglicht. Eine Wirtschaftspolitik, die Leistung respektiert. Einen Naturschutz, der Menschen zu Partnern macht. Eine Sozialpolitik, die Hilfe dort konzentriert, wo Hilfe tatsächlich gebraucht wird. Und einen Landkreis, der mit dem Geld seiner Bürger mindestens so sorgfältig umgeht, wie diese selbst es jeden Tag tun müssen.

Daraus entsteht unser Kompass:

So viel Freiheit wie möglich. So viel Staat wie nötig. So viel Verantwortung wie erforderlich.

Und damit erklärt sich auch unser Name. WEGBEREITER bedeutet nicht, dass wir behaupten, für jeden Menschen den richtigen Weg zu kennen. Das wäre das Gegenteil von Freiheit.

Wir wollen Hindernisse dort aus dem Weg räumen, wo Menschen ihren eigenen Weg gehen können. Und Verantwortung dort übernehmen, wo gemeinsames Handeln notwendig ist.

Vielleicht ist das der wesentliche Unterschied unseres Politikverständnisses:

Nicht das politische Lager entscheidet über die Qualität einer Idee. Sondern ihre Wirkung.


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